AutorMatProf. Bernd Mathieu ist Chefredakteur der Aachener Zeitung und Mitglied der Jury des Theodor-Wolff-Preis, der alljährlich für besondere Beiträge an Journalisten vergeben wird. Mit uns hat er über die Zukunft des Lokaljournalismus gesprochen und dabei kein Blatt vor den Mund genommen.

Seine zehn Anmerkungen zur Zukunft von regionalen Tageszeitungen findet Ihr in diesem Beitrag zusammengefasst. Für alle Liebhaber des bedruckten Papiers: Diesen Artikel gibt es auch in der aktuellen Ausgabe der BISS35.

 

  1. Zur Branche: Selbstmitleid und Panik sind falsche Berater. Sie verbauen Perspektiven, verhindern Dynamik, die neue Techniken und Möglichkeiten bieten. Blogs, Social Media: Sie sind längst Alltag. Diese Vielfalt, die höhere Zahl an Angeboten, die Echtzeitkommunikation sollen der Untergang des Abendlandes sein? Unsinn. Gerade lokaler und regionaler Journalismus hat mit Kreativität gute Chancen, nicht mit Sparmaßnahmen als Selbstzweck.

  2. Nur der gut ausgebildete Journalist spielt dabei eine seriöse Rolle. Deshalb bilden wir (Aachen) nur multimedial aus (Recherche, Video, Moderation, Sprache, Sorgfalt, Analyse…). Dazu haben wir Partner wie WDR, RTL, Rundfunksender, Presserechtler, Agenturen.

  3. Qualität heißt: zuverlässige Quellen, Nachhaltigkeit, Gründlichkeit. Eine zeitlose Basis für jedes journalistische Geschäftsmodell. Über welchen Kanal, ist egal. Zitat von Harald Martenstein: „Rettet den Inhalt, nicht die Hülle!“

  4. Endlich begreifen und praktizieren: niemals Kumpanei, Schulterklopfen oder distanzloses Mittendrin. Gute Journalisten sind selbstbewusst, rückgratstabil, konfliktbereit.

  5. Mut zum Anderssein, zum Überraschenden. Nicht jeden mit allem bedienen, Mut zum Weglassen.

  6. Lokale Kompetenz beweisen: berichtend, fragend, im Dialog, im Forum, interaktiv. Rausgehen. Zuhören, erklären, gemeinsam mit Bürgern Themen setzen. Damit haben wir Erfolg.

  7. Nicht einseitig sein, keine Honoratiorenzeitung. Keine Bevormundung, keine hoheitliche Verkündigung in harmlosen Sowohl-als-auch-Kommentaren. Ende des Sender-Empfänger-Modells akzeptieren und Neues entwickeln. Social-Media und andere Kanäle als Chance begreifen, nicht als Bedrohung.

  8. Online das aktuellste Nachrichtenportal sein. Sich von der Illusion gedruckter Exklusivität verabschieden. Die gibt es in Online-Zeiten nicht mehr. Den Unterschied zwischen Print- und Online-Sprache kennen. Online endlich professionell sein.

  9. Märkte ändern sich, daran mitwirken: Experimente wagen. Erfolg haben. Auch mal scheitern. Nicht verzagen. Dabei über die diversen Zielgruppen, ihre Erwartungen und die dafür nötigen neuen Produkte nachdenken. Es gibt da mehr als nur Nischen, die zu besetzen sind, zum Beispiel eine lokal-regionale digitale Tageszeitung für eine Technologie- und Wissensregion wie Aachen gemeinsam mit Akteuren aus diesem Bereich.

  10. Mehrwert (abgenutzter Begriff, pardon): Service, fundierte lokale Information, ernsthaft fragen, was wirklich relevant ist. Sagen, was ist. Kritisieren, was kritisiert werden muss. Zuhören, wo Menschen etwas zu sagen haben, Skandalisierung vermeiden, aber keine falschen Rücksichten nehmen. Emotion. Vor allem: nicht jammern.

Fazit: Weil das Lokale für uns Kerngeschäft ist, bündeln wir hier unsere Kompetenz, nicht in der Auslandsberichterstattung. Die lokale Berichterstattung bauen wir stetig aus. Das wird so bleiben. Gedruckt wie digital. Es stimmt: Die gedruckten Auflagen sinken. Auch das stimmt: Die Reichweite ist stabil oder steigt – dank der digitalen Angebote, die bei uns weitestgehend kostenpflichtig sind und angenommen werden.


Prof. Bernd Mathieu, Chefredakteur Aachener Zeitung

 

*und nicht über die „Vierte Gewalt“, denn die gibt es so nicht, dann müsste es gerechterweise eine fünfte Gewalt, die Blogger, geben.