Am 3. Oktober wählte die Junge Union Nordrhein-Westfalen Johannes Winkel zum neuen Landesvorsitzenden. Die BISS35 sprach mit ihm über seine inhaltlichen Schwerpunkte und die bevorstehenden Herausforderungen.

99 % der Delegierten konntest Du auf dem NRW-Tag in Köln von Dir überzeugen. Für einen Westfalen im tiefsten Rheinland ein phänomenaler Rückhalt. Wieso hat es nicht für ein Martin-Schulz-Ergebnis gereicht?

Zunächst einmal ist mir das Rheinland aufgrund meines Studiums und der Promotion, die ich zum Großteil im schönen Bonn absolviert habe, natürlich alles andere als fremd. Dennoch war das Ergebnis in dieser Form nicht erwartbar. Ich empfinde es aber nicht nur als großen Vertrauensvorschuss, sondern auch als entsprechende Erwartungshaltung, der der neue Landesvorstand jetzt auch gerecht werden muss. Im Übrigen ist und bleibt das Ergebnis die einzige Ähnlichkeit zwischen Martin Schulz und mir – versprochen!

Der neue Landesvorsitzende der Jusos NRW kommt – genau wie Du – aus dem Kreis Siegen-Wittgenstein. Ist das Siegerland die neue politische Nachwuchsschmiede für NRW?

(Lacht) Ich bezweifle bei aller Liebe, dass es bisher als solche wahrgenommen worden ist. Mit dem neuen Landesvorsitzenden der Jusos konnte ich mich bis jetzt leider noch nicht für einen Austausch treffen, hoffe aber hier – wie bei so vielen Dingen – auf eine Besserung im neuen Jahr.

Welche Erfahrungen nimmst Du aus Deinem bisherigen Werdegang in der Jungen Union für Dein neues Amt mit?

Dass man nicht davor zurückschrecken darf, seine eigene Meinung zu sagen. Das gilt auch und gerade, wenn der politische Wind in die andere Richtung weht. Auf Verbandsebene habe ich mitgenommen, dass die politische Bühne groß genug für viele Akteure ist und dass gegenseitiges Vertrauen das stärkste Fundament für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ist.

Bildung, Sicherheit, Klima: Wieso sind gerade diese drei Themen aus Deiner Sicht für die junge Generation in NRW am bedeutsamsten?

Ich will, dass wir den inhaltlichen Fokus auf die großen Landesthemen legen, und das sind zweifellos Bildung und innere Sicherheit.
Darüber hinaus sehen wir, dass das Thema des Klimaschutzes insbesondere in unserer Generation umtreibt – zu Recht! Da muss sich auch die Junge Union klar positionieren. Eine solche Positionierung können wir gut mit dem Thema Bildung kombinieren und uns somit auch von Grüner Jugend oder Fridays For Future abgrenzen, die auf einen Lebensstil wie im Mittelalter setzen. Ich sage es mal so: Wenn wir Industrie samt Schwertransporter zu Gunsten des Lastenfahrrades ersetzen, werden wir international kaum jemanden beeindrucken.

Klimawandel ist ein globales Thema. Umso mehr stellt sich die Frage, wie wir in unserem Bundesland sinnvoll zu einer klimafreundlichen Politik beitragen können. In der sich immer mehr polarisierenden Debatte scheint jedenfalls an der Systemfrage kein Weg mehr vorbeizuführen.

Der Klimawandel ist das globalste Politikfeld überhaupt. Wenn wir hier ernsthaft handeln wollen, bringt es nichts, unser Gewissen mit nationalen Maßnahmen zu beruhigen, die für die Gesamtbilanz noch nicht mal ein Tropfen auf den heißen Stein sind. Wir müssen deutlich mehr Geld in Forschung und Entwicklung investieren, um mit CO2-armen Technologien Vorreiter sein zu können.
Die Debatte in Deutschland trägt mitunter absurde Blüten, wenn man sich die – allen Ernstes auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk geführte – Diskussion vergegenwärtigt, in der dafür plädiert wird, keine Kinder mehr zu bekommen, da diese „klimaschädlich“ seien. Das ist teilweise an Lächerlichkeit nicht zu überbieten und ist ein typisches Beispiel für unsere Hype-Gesellschaft.

Das Thema Bildung endet nicht bei Abitur und Hörsaal. Welchen Stellenwert haben Handwerk und das duale Ausbildungssystem für unser Land, und was gilt es hier aus Deiner Sicht anzupacken?

Gesamtgesellschaftlich kommt den Ausbildungsberufen jedenfalls ein deutlich zu geringer Stellenwert bei. Deshalb fand ich es gut, dass die Landesregierung mit dem Azubi-Ticket hier ein deutliches Zeichen
der Wertschätzung gesetzt hat. In diesem Bereich muss aber auch der neue Landesvorstand weitere Ideen entwickeln, da die linken politischen Jugendbewegungen voll auf das Thema Akademisierung setzen und wir somit zum politischen Anlaufpunkt für Azubis werden können und wollen.

Die Grünen werden immer mal wieder ins Spiel gebracht, wenn es um mögliche Koalitionspartner für die CDU geht, insbesondere auf Bundesebene. Gleichzeitig fällt die Grüne Jugend mit einer mangelnden Distanz zu fragwürdigen Organisationen wie „Ende Gelände“ auf oder stellt die Marktwirtschaft in Zweifel. Wie sollte man solchen Grünen am besten begegnen?

Wir müssen den Grünen erst einmal gar nicht begegnen, sondern uns auf unsere eigenen Themen konzentrieren. Wir brauchen ein klares inhaltliches Profil, das uns leider in den letzten Jahren abhandengekommen ist. Voraussetzung dafür ist, dass wir zügig die Personaldebatten um den Bundesvorsitz klären, damit wir uns als Mannschaft für den Herbst inhaltlich aufstellen können. Ob man mit den Grünen zusammenarbeiten kann beziehungsweise muss, ist eine Frage, die man nach der Bundestagswahl klären muss und nicht heute.

Corona stellt auch unsere demokratischen Prozesse vor Herausforderungen. Ist die Digitalisierung der Parteiarbeit, auch im Hinblick auf unsere Arbeit als Junge Union, Fluch oder Segen?

Für die Parteiarbeit ist die Pandemie deshalb Fluch, weil Parteiarbeit für mich mehr bedeutet, als sich über Inhalte und Positionen zu streiten. Die Party, der Empfang oder einfach nur das gemeinsame Getränk nach einer Sitzung gehören genauso dazu – das fehlt uns schmerzlich. Auf der anderen Seite bin ich mir sicher, dass Videokonferenzen in der Parteiarbeit auch nach der Pandemie eine große Rolle spielen werden.

Welche Themen muss die CDU anpacken, damit es für eine Neuauflage der schwarzgelben Koalition in NRW reicht?

Erst einmal macht die Landesregierung ihre Aufgabe gut – auch in der Pandemiebekämpfung. Insgesamt sollten wir nicht so sehr auf Koalitionsmöglichkeiten schauen, sondern darauf, wie wir ein möglichst starkes Ergebnis erzielen. Persönlich würde ich aber auch für eine Fortsetzung der schwarzgelben NRW-Koalition werben. Dass die Umfragen dies momentan nicht abbilden, sollte uns nicht weiter kümmern, da wir 2017 noch einige Wochen vor der Wahl über 10 Prozentpunkte hinter der SPD standen.

Das Thema dieser Ausgabe heißt „Alles neu“. Das gilt auch für unsere Bundespartei, die sich in der Post-Merkelzeit neu orientieren muss. Wie kann es der CDU gelingen, weiterhin Volkspartei zu bleiben?

Volkspartei heißt, die großen politischen Konflikte zwischen Sicherheit und Freiheit, zwischen Arbeitgebern- und -nehmern schon innerhalb der Partei ausgetragen zu haben, bevor man auf den politischen Gegner trifft. Dass wir in den vergangenen Jahrzehnten ganze Arbeit geleistet haben, zeigt sich anhand der jahrzehntelangen Regierungsbeteiligung der Union im Bund.
Für das nächste Jahr gilt, dass wir alle Flügel im Präsidium und Bundesvorstand, sowie für den Wahlkampf sowie das Schattenkabinett brauchen.

2020 war in vielerlei Aspekten ein enttäuschendes Jahr. Deshalb der Blick nach vorne: Worauf freut sich Johannes Winkel im neuen Jahr am meisten?

Am meisten darauf, dass wir ab der zweiten Jahreshälfte die Pandemie hoffentlich in den Griff bekommen.
Darüber hinaus freue ich mich natürlich, den vielfältigsten, größten und schönsten Landesverband der Jungen Union Deutschlands gemeinsam mit einem starken Team leiten zu dürfen! Und auch ganz konkret steht ja jetzt schon einiges an, worauf wir uns freuen können:
Der NRW-Tag Mitte August in Espelkamp, bei dem wir – hoffentlich mit vielen JU-Kandidaten – gemeinsam in den Bundestagswahlkampf starten. Der Deutschlandtag der Jungen Union im Oktober in Münster, bei dem wir den siegreichen Kanzlerkandidaten der Union und zukünftigen Bundeskanzler begrüßen werden.
Und ich freue mich natürlich auf viele interessante Themen, Veranstaltungen und – hoffentlich – Begegnungen mit Euch, den Mitgliedern der Jungen Union NRW!

Das Interview führte Fabio Crynen

Kontaktperson

Fabio Crynen

Chefredaktuer BISS35

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