Ab dem 7. Juni 2021 soll die festgelegte Reihenfolge Corona-Impfungen nicht mehr gelten. In unserer Rubrik "Debatte", diskutieren Helene Wolf, stellvertretende Vorsitzende der JU Münster und Justin Schippers, Kreisvorsitzender der JU Heinsberg, über das Für und Wider von exklusiven Lockerungen für Geimpfte.

PRO

Seit Beginn der Coronapandemie lese und höre ich ein Wort überall: „Solidarität“. Aus Solidarität mit Risikogruppen habe ich für selbige eingekauft und bleibe nun für sie zu Hause. Ich habe meinen Kontakt zu Freunden und Familie beschränkt, meine Großmutter selbst zu Weihnachten nicht gesehen und die Universität ist für mich nur noch eine Institution, aber schon lange kein Raum mehr, in dem ich mich aufhalte.

Diese Einschränkungen nehme ich hin, denn ich möchte kein Risiko für andere darstellen, indem ich sie anstecke oder indem ich möglicherweise selbst so schwer an Corona erkranke, dass ich ein Bett auf der Intensivstation beanspruchen muss. Ich möchte keine Gefahr für andere sein. Ich bin – aus gutem Grund – solidarisch.

Unabhängig von konkreten Zahlen und verschiedenen Impfstoffen ist sicher: Wer geimpft ist, stellt keine so hohe Gefahr für andere dar wie Ungeimpfte. Weder durch Inanspruchnahme von begrenzten medizinischen Ressourcen noch durch eine hohe Infektionsgefahr.

Gebietet es die Solidarität also auch Geimpften, zu Hause zu bleiben? Rechtfertigt Solidarität mit Ungeimpften die Einschränkung von grundlegenden Freiheiten? Nein, denn Ungleiches darf nicht gleichbehandelt werden. Jemand, der aufgrund erfolgreicher Impfung kaum ein Risiko für die Gesellschaft darstellt, darf nicht aus falsch verstandener Solidarität den gleichen Beschränkungen unterliegen wie jemand, der noch ohne Impfung ist und somit ein weitaus höheres Risiko darstellt.

Solidarität in der Krise ist die Verringerung einer konkreten Gefahr, nicht die Beruhigung einer aufgeregten Neidgesellschaft. Grundfreiheiten dürfen keine Instrumente der Politik sein, um gesellschaftlichen Zusammenhalt oberflächlich aufrechtzuerhalten.

Wer nicht geimpft ist, muss so oder so zu Hause bleiben - wieso also denen, die geimpft sind, ihre Grundrechte nehmen? Unsere liberale Gesellschaftsordnung gebietet es der Politik, hier zu handeln.

Auch Privaten wie Restaurants, Läden und Kulturveranstaltern muss die Differenzierung von Geimpften und Ungeimpften möglich sein, wenn sie nicht systemrelevant sind. Wer hier von einer Impfpflicht durch die Hintertür spricht, verkennt die Privatautonomie von Inhabern und Veranstaltern, welche es ihnen erlaubt, ihr Hausrecht auszuüben und Verträge zu schließen, wie und mit wem sie möchten.

Solidarität und das Verständnis selbiger ist aber nicht alleine ausschlaggebend für die Notwendigkeit, Freiheiten wiederherzustellen. Auch aus schlichtem Eigennutz liegt mir viel daran, dass jeder, der eine Impfung bekommen hat, seine bürgerlichen Freiheiten wieder in vollen Zügen genießt und essen geht, Theater besucht, in der örtlichen Buchhandlung einkauft oder die Sommergarderobe aufstockt.

Ich möchte auch in den nächsten Jahren Geschäfte in der Innenstadt vorfinden, Restaurants besuchen und vor allem von einer möglichst stabilen Wirtschaftslage profitieren.

Doch dafür müssen wir soweit es geht öffnen und Geld in die Kassen spülen. Dass ein Restrisiko einer Infektion von Geimpften besteht, kann und muss im Rahmen eines allgemeinen Lebensrisikos hingenommen werden.

Neid steht niemandem gut zu Gesicht - wir sollten uns vielmehr für alle Senioren freuen, die glücklich geimpft wieder in ihrer Stammkneipe sitzen.

Von Helene Wolf

CONTRA

Keine exklusiven Öffnungen für Geimpfte!

Bisher waren die Begriffe „Coronadiktatur und Virokratie“ ideologische Schlagwörter aus der Ecke der Verschwörungstheoretiker. Doch Zweifel und Unsicherheit verbreiten sich seit der Rücknahme der Ruhetage über Ostern durch die Kanzlerin und dem Maskenskandal innerhalb der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zunehmend in der gesamten Bevölkerung. Es wird von einem Vertrauensverlust in die Politik gesprochen. Dabei war das Vertrauen der Bürger in die staatlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie bisher der Garant dafür, dass die aufgestellten Regeln solidarisch befolgt wurden. Ohne Vertrauen droht der Kollaps!

Die Forderung nach exklusiven Öffnungen für Geimpfte verschärft diese angespannte Atmosphäre weiter. Für Geimpfte ist es selbstverständlich, dass sie freien Zugang zu allem erhalten, was bedingt durch die Pandemie geschlossen ist. Ungeimpfte Personen können dies jedoch als massive Ungleichbehandlung empfinden. Diese Spaltung der Bevölkerung in geimpfte und ungeimpfte Personen ist in jeder Hinsicht ein unerwünschtes Szenario.

Denn viele werden an die Impfreihenfolge denken und sich fragen: Ich habe doch bei der Impfung schon andere Menschen vorlassen müssen. Jetzt muss ich auch noch weiterhin zu Hause bleiben, während Geimpfte frei von Beschränkungen sind? Diejenige, die eine niedrigere Impfpriorisierung erhalten, werden durch exklusive Öffnungen für Geimpfte dabei also doppelt belastet. Hier kann das Motto sein: Wenn ich beim Impfen warten muss, müssen Geimpfte so lange auf Öffnungen warten, bis alle ein Impfangebot erhalten haben.

Das Problem bei diesem Lösungsansatz: Alle müssen warten. Damit wird für alle der Rückweg zur Normalität gebremst! Außerdem kann die Aufrechterhaltung der Beschränkungen für Geimpfte kaum mit dem reinen Solidaritätsgedanken gerechtfertigt werden. Ein passender Lösungsansatz muss also sowohl Öffnungsperspektiven bieten und zugleich die Spaltung der Bevölkerung verhindern.

So ist es denkbar, Öffnungen für geimpfte und ungeimpfte Personen zu erlauben, wobei Ungeimpfte einen tagesaktuellen Test vorweisen müssen. Dieses Öffnungskonzept gewährleistet Schutz vor Infektionen und ermöglicht gleichberechtigten Zugang. Die ca. 6300 Testzentren in NRW können absichern, dass das Testerfordernis nur eine geringe Belastung für ungeimpfte Personen darstellt.

Übrigens: Legt der Staat eine Impfreihenfolge fest, müsste er umgekehrt auch bis zum letzten Impfangebot die Testkosten für Ungeimpfte tragen, um die Benachteiligungen durch die Impfreihenfolge auszugleichen. So werden auch die Testkosten nicht zum faktischen Hindernis für ungeimpfte Personen!

Solidarität kann letzten Endes nicht durch ein Hashtag oder durch den Staat verordnet werden. Da, wo der Staat transparente und gerechte Entscheidungen trifft, gewinnt er verlorenes Vertrauen zurück. Dies trägt dann zur solidarischen Befolgung der staatlichen Maßnahmen bei.

Ich bleibe dabei: Keine exklusiven Öffnungen für Geimpfte!

Von Justin Schippers

Kontaktperson

Arvid Hans Hüsgen

Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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