Den meisten ist er aktuell als Landesgesundheitsminister bekannt, doch Karl-Josef Laumann sorgt als Arbeitsminister seit vier Jahren auch für wichtige Impulse in der Arbeitspolitik. Die BISS35 besuchte ihn in Düsseldorf – im Zentrum des Gesprächs stand die Frage: Wie können wir Ausbildungsberufe für junge Menschen attraktiver machen?

BISS35: Das Titelthema der aktuellen BISS35 dreht sich rund um die Berufsausbildung. Sie haben damals selbst eine Ausbildung zum Maschinenschlosser gemacht. Was haben Sie aus dieser Zeit für Ihren weiteren Werdegang mitgenommen und wie hat sich die berufliche Ausbildung seither verändert?

Früher waren gut 60 bis 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler auf der Hauptschule - oder Volksschule, wie man das damals noch nannte. Der Ausdruck Volksschule war also ziemlich passend. Das war eben die Schule, wo man hinging und wo der größte Teil der Kinder geschult wurde. Deshalb ist das damalige System mit dem heutigen auch nur schwer vergleichbar.

Meine Ausbildung ist jedenfalls schon sehr lange her. Es war eine andere Zeit. Wir waren in der Regel fünfzehn Jahre alt und das Verständnis dafür, wie eine Ausbildung sein sollte und was von einem Lehrling erwartet wurde, war damals ein anderes. Vereinfacht könnte man sagen: In der Berufsausbildung wurde man schlicht und ergreifend einfach erwachsener.

Heute sind die Schülerinnen und Schüler, wenn sie eine Ausbildung beginnen, älter. Das duale System mit den Lernorten Betrieb und Schule ist aber gleichgeblieben. Für den praktischen Teil sorgt der Betrieb, der immer nah an aktuellen Entwicklungen, zum Beispiel technischen Neuerungen, dran ist! Und die Berufsschule ergänzt mit ihrem theoretischen Teil. Das ist klasse, heute wie früher!

BISS35: Seit den 1960er Jahren steigt die Akademikerquote in unserem Land kontinuierlich an und zeitigt, beispielsweise in Form von Fachkräfte- und Handwerkermangel, auch unangenehme Folgen. Wie können wir langfristig mehr junge Menschen für die Berufsausbildung begeistern?

Also ich glaube, es kommt sehr darauf an, deutlich zu machen, dass Betriebe spannende Berufe anzubieten haben. Viele junge Leute werden heutzutage ohne oder nur mit ganz wenig Kontakt zur praktischen Arbeitswelt groß. Und dann fehlen Vorstellungen von den verschiedenen Berufen und wichtige Erfahrungswerte. Deshalb müssen Politik, Kammern und Wirtschaft es gemeinsam schaffen, dass sich die jungen Menschen mit der Frage „Ist die duale Berufsausbildung für mich eine Alternative zum Studium?“ beschäftigen.

Vor circa fünfzehn Jahren war die Debatte unter Handwerksmeistern, dass viel zu viele junge Leute Abitur machen und sie deswegen keine Lehrlinge kriegen. Das hat sich - gottseidank, finde ich - in den letzten Jahren gedreht: Jetzt sagt auch zum Beispiel das Handwerk, es müsse auch für Abiturienten attraktiv sein. Es muss noch verstärkt rübergebracht werden, dass auch für viele Leute mit sehr guten Schulabschlüssen das Studium nicht von vornherein die einzige Alternative ist.

Es ist auch wichtig, dass man die Gestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten in den dualen Berufen erkennt und entsprechend vermittelt, beispielsweise beim Thema Digitalisierung. Es muss klar werden, dass Ausbildungsberufe auch modern und perspektivreich sind - da haben wir noch Nachholbedarf.

BISS35: Die Coronapandemie hat das duale Ausbildungssystem gehörig unter Druck gesetzt – gibt es momentan einen Lehrstellenmangel oder eher zu wenige Bewerber?

Corona hat unsere Systeme durcheinandergebracht. Wir versuchen die jungen Leute in den Schulen zu erreichen, um ihnen dann zum Beispiel durch Praktika die Arbeitswelt zu eröffnen. Nur: Wenn pandemiebedingt Schulen und Betriebe nur eingeschränkt geöffnet sind wie in den letzten zwölf Monaten, ist uns hierfür quasi die Brücke weggefallen.

Deswegen hatten wir im August die Situation, dass wir zu wenig abgeschlossene Lehrverträge hatten: In den meisten Regionen Nordrhein-Westfalens gab es genug angebotene Lehrstellen, aber zu wenige Bewerber. Das war das grundlegende Problem. Und genau deswegen haben wir im Ausbildungskonsens hierauf sehr pragmatisch geantwortet, in dem wir den Beginn des Ausbildungsjahrs nach hinten verschoben haben. Alle jungen Leute, die bis Januar 2021 einen Lehrvertrag unterschrieben haben, können sich somit das gesamte Lehrjahr anerkennen lassen. Dank der Regelung konnten bis Dezember noch mal rund 3.000 Lehrverträge abgeschlossen werden. Somit sind wir mit einem blauen Auge davon gekommen, auch wenn es am Ende rund 11 Prozent weniger Ausbildungsverträge wie in den Jahren zuvor waren.

Zudem fördern wir als Arbeitsministerium konkret die stark betroffenen Branchen, in denen die jungen Leute gar keine Ausbildung machen können, wie beispielsweise die Veranstaltungstechniker. Es gibt seit einem Jahr keine Veranstaltungen mehr und es herrscht Kurzarbeit. Und deswegen haben wir als Arbeitsministerium auch Geld in die Hand genommen, um diese Auszubildenden in den überbetrieblichen Bildungsstätten (ÜBS) im praktischen Teil weiter zu schulen und sie fit für ihre Abschlussprüfung zu machen. Das finanzieren wir voll, weil wir wollen, dass die Leute in ihren drei bzw. dreieinhalb Jahren auch ihre Prüfung machen können. Rund 400 Auszubildende in Nordrhein-Westfalen sollen davon letztendlich profitieren.

Ich glaube, dass das alles sehr wichtig ist, denn eins müssen wir sehen: Vor der Pandemie war DAS beherrschende Thema der Fachkräftemangel. Ich bin ganz fest davon überzeugt als Arbeitsminister: Wenn die Pandemie vorbei ist und nicht mehr die Schlagzeilen füllt, werden die Themen Fachkräftesicherung und Nachwuchsförderung in allen Berufen erneut das entscheidende Thema. Ich bin daher zuversichtlich, dass die Betriebe weiterhin ausbilden werden: Eine Ausbildung dauert in der Regel drei bis dreieinhalb Jahre. Da wissen die Betriebe schon, dass das noch ein bisschen dauert, bis die Auszubildenden als Fachkraft zur Verfügung stehen. Ich hoffe, dass die Pandemie dann in den Geschichtsbüchern steht.

BISS35: Die NRW-Koalition ist seit nunmehr fast vier Jahren in der Regierungsverantwortung. Was unterscheidet christlich-liberale Arbeits- und Ausbildungsmarktpolitik von den Vorstellungen der - ehemaligen - Arbeiterpartei SPD?

Fangen wir zunächst mit den Kontinuitäten an: Auch wir setzen uns immer wieder mit allen relevanten Partnern gemeinsam an einen Tisch, um zu überlegen, wie wir Jugendliche für die Ausbildung fit machen können, wie wir Betriebe für den Ausbildungsmarkt gewinnen oder wie wir Unternehmen für die Beschäftigung von Menschen gewinnen, die es nicht immer ganz so leicht hatten. Das hat in Nordrhein-Westfalen gute Tradition.

Ein wesentlicher Unterschied ist: Die rot-grüne Regierung hat immer auf Projekte gesetzt. Auch ich bin immer mal wieder dafür, einzelne Projekte durchzuführen. Aber mit mir hat Nordrhein-Westfalen einen Minister, der so gut wie immer in Programmen denkt, weil Projekte oftmals zu kurzgedacht sind. Projekte helfen selten nachhaltig: Das ist so, als ob du einem Menschen, der in einem Brunnen gefallen ist, eine Leiter reichst, und wenn er die Hälfte des Aufstiegs geschafft hat, nimmst du ihm die Leiter wieder weg. Menschen dauerhaft in Arbeit und Ausbildung zu bringen ist ein Marathon. Da braucht man einen längeren Atem, als ihm Projekte bieten.

BISS35: Erst eine 70-Prozentige Kostenübernahme seit September 2018, seit Februar 2021 übernimmt das Land NRW das Schulgeld komplett für Auszubildende in Gesundheitsfachberufen. Das sind gute Nachrichten und eine weitere Steigerung der Attraktivität! Was können wir abseits des Geldes an den Ausbildungsbedingungen verbessern? Welche Stellschrauben können noch optimiert werden und was wurde bereits von der Landesregierung getan?

Ich glaube, dass die Aushandlung der Ausbildungsvergütung bei den Tarifparteien in guten Händen ist. Wir haben ergänzend im Bund über den Gesetzesweg eine Mindestausbildungsvergütung eingefügt, welche jedoch in Nordrhein-Westfalen kaum Auswirkungen hatte, da die Ausbildungsvergütung hierzulande in der überwiegenden Mehrheit aller Berufe bereits darüber lag.

Wir müssen weiter daran arbeiten, dass die Berufsschulen gut ausgestattet sind, genügend Lehrpersonen vorhanden sind und sich die Schulgebäude insgesamt in einem ordentlichen Zustand befinden. Wir haben dafür ein großes Programm zur Förderung der überbetrieblichen Ausbildungsstätten aufgelegt. Gute Bildung muss auch von den Ausbildungsorten ausgestrahlt werden und jeder Euro, den das Land in die Ausbildung investiert, wird vom Bund massiv gefördert. Wenn wir eine Million in eine Bildungsstätte investieren, gibt der Bund uns zwei Millionen dazu. Das sind gute und zielgerichtete Maßnahmen.

Das Interview führten Sarah Vortkamp und Justus Janssen.

Kontaktperson

Arvid Hans Hüsgen

Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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