Durch ihre Landtagskandidatur für die FDP wurde Tijen Onaran mit 20 Jahren bekannt. Parteipolitisch aktiv ist die 36-Jährige heute nicht mehr. Politisch ist sie trotzdem und stärkt als Unternehmerin die Diversität in der Wirtschaft.

Für manche ist der erste Arbeitstag nach dem Urlaub ein Fluch und für Tijen Onaran ein Moment der Dankbarkeit. „Jedes Mal denke ich: Vor einigen Jahren noch aus dem Wohnzimmer heraus gearbeitet, heute zwei Büros in Berlin und München“, schreibt sie an diesem Tag fast schon ungläubig auf rosa Grund in ihre Instagramstory. „Seid euch jeden Tag bewusst über die Schritte, die ihr macht. Baby steps sind auch steps“ steht darunter und im Hintergrund sind die Beine von Tijen Onaran die Treppe hinaufsteigend zu sehen.

Immer weiter, Stufe für Stufe nach oben – diese Richtung scheint die Konstante in ihrem Leben zu sein. Die 36-Jährige hat viele Aufgaben. Sie ist Bestseller-Autorin, gefragte Speakerin, Kolumnistin, Podcasterin, vor allem aber Unternehmerin. Die Bunte spricht von einer „Ausnahmeerscheinung in der deutschen Digitalszene“ und für das Manager Magazin ist sie derweil eine der einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft.
Mit ihrem Unternehmen „Global Digital Women“ setzt sich Tijen Onaran dafür ein, die Wirtschaft diverser und inklusiver zu machen. Stand am Anfang ihres Engagements noch ein Stammtisch zur Vernetzung von Frauen, berät sie heute (unterstützt von ihrem Ehemann, der mit ihr zusammenarbeitet) die großen Unternehmen, wie sie insbesondere mehr Frauen gewinnen können. Dabei greift sie auf ihr eigenes Netzwerk zurück, gibt Tipps bei den Stellenausschreibungen oder veranstaltetet große Events.

„Divers aufgestellte Teams sind immer innovativer“, sagt sie im Gespräch mit der BISS35. Wer sich mit ihr unterhält, merkt, dass sie dieses Thema lebt und liebt. In verschiedenen Interviews kommt sie immer wieder darauf zu sprechen, dass Unternehmen sich schon aus eigenem Interesse breiter aufstellen müssen. Diversität ist für Tijen Onaran kein nettes Etikett zur Vermarktung, sondern eine notwendige Bedingung, wenn das Unternehmen erfolgreich sein will. Auch die Junge Union und alle anderen Jugendorganisationen sollten sich ständig fragen: „Sehe ich an den Tischen, an denen ich sitze, Diversität und Vielfalt?“ So lautet einer ihrer Ratschläge an die Junge Union.
Dennoch kommt sie nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daher, sondern fängt immer auch beim einzelnen Menschen an. Das Stichwort heißt „Self Branding“. In ihrem Bestseller „Nur wer sichtbar ist, findet auch statt“ erklärt sie, dass sich jeder unabhängig von Branche und Status seiner Stärken vergewissern müsse. „Es geht auch um die Busfahrerin, die eine Gehaltserhöhung haben möchte.“

Ob sie selbst Feministin ist? Tijen Onaran muss nicht lange überlegen. „Es ist für mich ein großes Kompliment, Feministin zu sein. Wer für Frauenrechte ist, ist für Menschenrechte.“ Und doch ist ihr Feminismus anders als der vor 30 oder 40 Jahren. Tijen Onaran klagt keine Männer an, sondern betont die Stärken der Frauen. Im Gespräch mit der BISS35 fällt der Name Alica Schwarzer. Was verbindet die beiden? „Wir haben eine Stimme und erheben sie“, sagt Tijen Onaran und sie ist dankbar, dass sie in einem Land lebt, wo das möglich ist. Sie selbst zeigt sich in sozialen Netzwerken beispielsweise gerne chic und farbenfroh gekleidet. Bilder auf der Homepage ihres Unternehmens präsentieren Frauen, die gemeinsam feiern.

Netzwerken ist entscheidend und Tijen Onarans große Stärke. Gelernt hat sie das schon früh durch ihre Mutter. Sie arbeitete in einem Juweliergeschäft - die kleine Tijen sah ihr häufig dabei zu, wie sie Menschen bediente, jeden individuell und auf Augenhöhe. „Egal, ob es ein reiches Ehepaar oder der junge Mann war, der seiner Freundin ein Geschenk machen will.“ Tijen Onaran sagt, dass sie auch deshalb nie Berührungsängste gehabt habe - egal, wer vor ihr stand.

Nachdem ihr 2006 als Kandidatin der FDP nicht der Einzug in den Landtag von Baden-Württemberg gelungen war, wurde sie erst Mitarbeiterin der Europaabgeordneten Silvana Koch-Mehrin und später Beraterin von Guido Westerwelle. FDP und Tijen Onaran, irgendwie passte das für manche damals nicht zusammen. Sie, als Frau und zusätzlich Tochter türkischer Eltern, inmitten von jungen Männern. Tijen Onaran beschrieb den ersten Eindruck von den Jungen Liberalen mal mit dem Geruch frisch gebügelter Hemden. Doch allen Schubladendenken zum Trotz schätzte sie damals an den Liberalen neben der wirtschaftlichen Kompetenz vor allem die individuelle Perspektive und die Eigenverantwortung. „Ich schaue in den Spiegel und überlege, was ich selbst machen kann.“

Nach ihrer politischen Zeit folgten diverse Posten als Pressesprecherin und schließlich das jetzige Engagement. Ja, es ging zwar bergauf. Doch genauso wie ihre Karriere mit einer Niederlage begann, gab es die auch während ihrer Karriere: Ein Beispiel ist ihre Zwischenstation im Bundespräsidialamt. Gerade eingestellt von Bundespräsident Christian Wulff stolperte der dann über seinen Hauskredit. So kann’s kommen. Doch letztlich hat sie auch das vorangebracht. Stufe für Stufe nach oben. Oder wie Tijen Onaran sagen würde: „Baby steps sind auch steps.“

von Florian Hemann

Kontaktperson

Arvid Hans Hüsgen

Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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