Wer kennt Dr. Oetker nicht? Das Familienunternehmen aus Ostwestfalen ist bekannt für Pudding und Pizza, aber auch für Spirituosen aller Art. Es besitzt zudem Hotels und auch den Getränkelieferdienst Durstexpress. Jetzt wird die Gruppe mit der Übernahme von Flaschenpost erweitert.

Rund eine Milliarde Euro ließ sich Dr. Oetker wohl die Marktführerschaft im Getränkesofortlieferdienst
und den damit verbundenen direkten Kundenzugang kosten. Flaschenpost ist ein schnell wachsendes Startup, das mit seinem Konzept rasch für Aufmerksamkeit gesorgt hat. Die Lieferwagen in ihrem markanten grünen und rötlichen Design sind mittlerweile in jeder größeren Stadt allgegenwärtig. Ob Vereine, Privathaushalte oder Events: Flaschenpost liefert täglich um die 100.000 Kisten in die ganze Republik aus. Über 800.000 Kunden bestellen mittlerweile ihre Getränke bei Flaschenpost. Doch Flaschenpost konzentriert sich schon länger nicht mehr nur auf Getränke, sondern wagt aktuell den Versuch, den Markt für Nahrungsmittel, Drogerie-Artikel und sonstige Produkte des täglichen Bedarfs zu erobern. Weitere Sortimentserweiterungen sind angedacht. Es lässt sich zwar momentan noch nicht final absehen, welche Produkte man sich in Zukunft bis an die Haustüre liefern lassen kann, aber neue Konzepte werden aktuell bereits in Münster getestet. Weitere Konzepte, innovative Ideen und neue Standorte könnten künftig hinzukommen. Durch den inzwischen genehmigten Kauf und eine wohl anstehende Fusion, mit der vor allem in Ost- und Süddeutschland aktiven Dr. Oetker-Tochter „Durstexpress“ könnte Flaschenpost Skaleneffekte erzielen und damit noch kosteneffizienter arbeiten. Bisher wurden, wenn man verschiedenen Medienberichten Glauben schenken darf, in der Geschichte der Flaschenpost noch nie grüne Zahlen geschrieben. Zum Zeitpunkt des Interviews war die Übernahme durch die Dr. Oetker Gruppe noch nicht kartellrechtlich genehmigt, weshalb Flaschenpost nur dazu in der Lage war, Fragen abseits der Übernahmethematik zu beantworten.

Wir haben uns mit Flaschenpost über den Erfolgsweg, das Kern-Business, sowie Chancen für Gründerinnen und Gründer in Deutschland unterhalten.

Glaubten Sie von Anfang an den Erfolg Ihrer Idee? Welche unerwarteten Herausforderungen ergaben sich?

Ein erster Proof of Concept fand bereits im Jahr 2014 in Münster statt. Hier wurde die Idee gemeinsam mit einer Hand voll Kolleginnen und Kollegen sowie Bullis in Münster in die Tat umgesetzt. Es zeigte sich sehr schnell, dass die Idee von den Kunden sehr gut angenommen wurde. Zu gut – denn die Nachfrage war viel höher als erwartet, so dass die Logistik-Prozesse dem Ansturm nicht gewachsen waren. Also legte die Flaschenpost eine Pause ein, und im Hintergrund wurden die Prozesse weiter optimiert. Im Jahr 2016 ging die Flaschenpost in Münster offiziell an den Start und konnte schon bald ein zweites Lager in Köln eröffnen. Auch hier war das Konzept erfolgreich – der Startschuss für unsere rasante Expansion in ganz Deutschland.

Sie mussten im Jahr 2015 Ihren Betrieb nach einer Testphase aufgrund einer zu großen Nachfrage wieder einstellen. Welches Gefühl hat das damals bei Ihnen als Unternehmer ausgelöst? Was können Sie jungen Gründern im Umgang mit Rückschlägen empfehlen?

Das Gründerteam muss von der Grundidee zu 100 Prozent überzeugt sein und auch dann an ihr festhalten, wenn es einmal zu Widerständen oder Rückschlägen kommt. Große Flexibilität und die Bereitschaft, bestehende Prozesse immer wieder in Frage zu stellen und zu optimieren, sind die Voraussetzung dafür, die Idee zum Erfolg zu führen und auch andere dafür zu begeistern.

Wieso hatten Sie sich für Münster entschieden, als Sie Ihr Unternehmen gründeten? Gibt es dort besondere Standortfaktoren?

Wichtige Kriterien bei der Standortauswahl sind für uns eine gewisse Bevölkerungsdichte und eine gute Infrastruktur im Liefergebiet, so dass wir unser Lieferversprechen halten und innerhalb von 120 Minuten einen breiten Kundenkreis beliefern können. Neben der Tatsache, dass es unsere Heimat war und ist, traf all‘ das auf Münster zu. In der Studentenstadt, in der viele das Fahrrad einem Auto vorziehen, hat das Geschäftsmodell der flaschenpost genauso gut funktioniert wie anschließend auch in Köln, Mannheim und an allen nachfolgenden Standorten.

Unterstützt die Politik junge Gründerinnen und Gründer genug? Wie ist es um die Finanzierung von neuen Gründungen in Deutschland und Europa bestellt?

Grundsätzlich erfahren Gründerinnen und Gründer – insbesondere durch das Exist- Gründerstipendium – eine gute Unterstützung und damit auch eine politisch initiierte Förderung. Durch den nordrheinwestfälischen Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie, Prof. Dr. Pinkwart, hat das Thema Gründung und Digitalisierung in NRW einen sehr ausgeprägten Stellenwert. Auf Bundesebene passieren auch viele Initiativen, wie z. B. der jüngst beschlossene Zukunftsfonds, welche das nationale Ökosystem für Gründer signifikant unterstützen und weiterbringen.

An welchen Stellen hätten Sie sich mehr Unterstützung von Stadt/Land/Bund gewünscht?

Gerade in den Anfängen kann es für Startups förderlich sein, sich in überregionalen Netzwerken auszutauschen, welche bspw. von der Politik kuratiert werden können. Die auf Landesebene angestoßenen Initiativen zahlen dankenswerter Weise auf dieses Thema ein.

Wird der ländliche Raum demnächst auch vermehrt von Ihrem Geschäftsmodell profitieren können? Werden Sie bald auch kühle Getränke ins Hotel auf Mallorca liefern und den europäischen Markt erobern?

Wir beliefern bereits über 150 Städte in Deutschland. Unser Fokus liegt aktuell auf der Erschließung der restlichen nationalen „White Spots“ und einer sinnvollen Sortimentsergänzung. Schließlich haben wir eine Infrastruktur aufgebaut, die es uns nicht nur erlaubt, Getränke auszuliefern. Wir haben mit unseren Weihnachtsbäumen gezeigt, dass wir fast alles liefern können. Eines ist uns dabei aber vor allem wichtig: Eine gesunde Expansion – Schritt für Schritt.

Planen Sie, verstärkt Eigenmarken zu vertreiben?

Im Moment haben wir bereits Eigenmarken im Portfolio. Wasser, Bier, Wein und Saft sind bereits dabei und laufen sehr gut. Eine konkrete Sortimentserweiterung darüber hinaus steht zu diesem Zeitpunkt nicht fest.

Als ein Unternehmen aus der Fahrradstadt Münster wird man zwangsläufig mit dem Thema der alternativen Antriebstechnologien konfrontiert. Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit für Flaschenpost?

Wir legen bei unserer Arbeit großen Wert auf Nachhaltigkeit, Umweltschutz und emissionsarme Prozesse. Unsere intelligent geplanten Touren ersetzen sechs bis zehn Einzelfahrten zum Super- oder Getränkeabholmarkt und sparen damit große Teile des CO²-Ausstoßes ein. Unser Prinzip zielt darauf, Mehrweggebinde statt Einweg-Pfand in Umlauf zu bringen, in den meisten Fällen Glas statt Plastik, und das Leergut wird gleich wieder mitgenommen. Außerdem testen wir bereits die Auslieferung mit alternativen Antrieben. Allerdings schaffen es die Technologien aktuell noch nicht, unseren Anforderungen gerecht zu werden.

Wo sehen Sie Flaschenpost in zehn Jahren?

Wir testen aktuell sinnvolle Ergänzungen zu unserem Liefermodell und unserem Sortiment, ohne dabei das Kerngeschäft aus den Augen zu verlieren. So bieten wir für unsere Münsteraner Kunden zusätzlich zu den Getränken bereits Frischware und Tiefkühlprodukte an. Dies ist ein Pfad, den wir sicherlich weiterverfolgen werden. In Münster, Berlin und Hamburg können unsere Kunden, neben dem Leergut, auch Retouren-Pakete des Anbieters About you zurückgeben. Die Grundidee des sicheren Getränkekaufs, der bis zur passgenau steuerbaren Auslieferung online abgewickelt wird, hat während der Corona-Pandemie zusätzlich an Bedeutung gewonnen. Auch langfristige Trends im Bereich eFood und sich wandelnde Konsumentenerwartungen werden die Branche beeinflussen. Hierauf werden wir flexibel reagieren. Für die kommenden zehn Jahre gibt es folglich noch mannigfaltige Entwicklungsmöglichkeiten.

Zum Schluss noch eine Frage für unsere Leser, die vielleicht selbst ein Unternehmen gründen wollen: Welchen Rat würden Sie jungen Studierenden und Auszubildenden mit Unternehmergeist auf den Weg mitgeben?

Der Kundennutzen und das Marktpotenzial einer Idee müssen schonungslos und objektiv herausgearbeitet werden. Wenn diese beiden Kriterien stimmen, ist es wichtig, auch wenn ihr bei der Umsetzung auf Hindernisse stoßen solltet, an eurer Idee festzuhalten. Während einer Unternehmensgründung gehört die persönliche Extrameile zum Tagesgeschäft. Denn nur, wenn ihr selbst für eure Idee brennt, könnt ihr alles geben und andere dafür begeistern.

Die Fragen stellten Finn Meurer & Maximilian Reinberger.

Ansprechpartner

Arvid Hans Hüsgen

Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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