Die Energieversorgung für Bürgerinnen und Bürger wird immer teurer. Auch Unternehmen schlagen Alarm und fordern einen einheitlichen Industriestrompreis. Im Interview schildert der Essener Oberbürgermeister Thomas Kufen, wie aus seiner Sicht die Energieversorgung sichergestellt werden und die Transformation gelingt kann.

Herr Oberbürgermeister Kufen, Sie sind als CDU-Oberbürgermeister im Ruhrgebiet eine hoch angesehene Rarität in unseren Reihen. Wie schafft man es, als CDUler im Ruhrgebiet so viele Menschen von sich zu überzeugen?

Historisch hat die CDU eher im ländlichen Raum ihren Schwerpunkt. Aber wie wir in den letzten Jahren erleben, stimmen solche Ansätze nur noch bedingt und die CDU kann überall erfolgreich sein. So ist das Ruhrgebiet heute schon längst nicht mehr die Hochburg der SPD. Und darin liegt eine Chance, die es zu nutzen gilt.

Es kommt auf ein überzeugendes Angebot an. Nicht nur, was den Kandidaten oder die Kandidatin vor Ort, sondern auch, was die Inhalte und Lösungen für die Probleme der Bürgerinnen und Bürger angeht. Dabei bedeuten Inhalte nicht nur ein überzeugendes Kommunalwahlprogramm, sondern beginnen auf der Landesebene der Partei mit dem Bewusstsein, dass das Land anders zu behandeln ist als die Stadt, selbst wenn auf dem Parteitag viel mehr Vertreterinnen und Vertreter aus dem ländlichen Bereich sitzen.

Persönlich versuche ich für jeden Bürger und jede Bürgerin ansprechbar zu sein – egal ob es die sozialen Medien, die Bürgersprechstunde oder die vielen Termine vor Ort sind. Ich bin kein CDU-Stadtoberhaupt, sondern ein Stadtoberhaupt für die Menschen in meiner Heimatstadt. Das bedeutet nicht, dass ich allen alles verspreche oder vergesse, woher ich komme und wie ich sozialisiert bin; es bedeutet aber pragmatische Entscheidungen für die Menschen meiner Stadt zu treffen – entsprechend meiner Prämisse: zuhören, verstehen, machen.

Wie würden Sie Ihre Stadt Essen in drei Adjektiven beschreiben?

Vielfältig, überraschend, ehrlich.

Kommen wir zu den Herausforderungen der kommunalen Energieversorgung. Bis spätestens zum 30. Juni 2026 müssen Kommunen mit über 100.000 Einwohnern darlegen, wie sie ihre Wärmeversorgung auf erneuerbare Energien umstellen wollen. Das betrifft also auch Ihre Heimatstadt Essen. Wie bewerten Sie als Oberbürgermeister dieses Vorhaben und wie ist der Fahrplan bis 2026?

Die Vorgaben und Ziele sind sehr anspruchsvoll.

Wie alle Kommunen beschäftigt das Thema der Wärmewende auch die Stadt Essen. Bereits im letzten Jahr haben wir als Sofortmaßnahme unter anderem Mittel für eine Integrierte kommunale Energie- und Wärmeplanung beschlossen. Wir wollen gemeinsam mit den Energieversorgungsunternehmen sowie den Bürgerinnen und Bürgern und mit Unterstützung externer Fachexpertise einen Masterplan zum Erreichen der Klimaneutralität im Wärmesektor in Essen erarbeiten. Eine der großen Herausforderungen wird hier sicher auch die Verzahnung der kommunalen Wärmeplanung mit dem überregionalen Netzausbau werden.

Im Fokus steht dabei eine sichere, bezahlbare und ökologisch sinnvolle Wärmeversorgung – bei gleichzeitiger Sicherung des Industriestandortes Essen.

Worin sehen Sie die Herausforderungen für Essen und das Ruhrgebiet? Und ganz konkret: Planen Sie, den Ausbau erneuerbarer Energien auch direkt in Essen weiter auszubauen? Wenn ja, auf welche Energieträger setzen Sie?

Die Herausforderung für urbane Regionen ist, dass sie aufgrund ihrer dichten Besiedelungsstruktur kaum in der Lage sind, Windräder aufzustellen. Und auch nicht jedes Dach in der Stadt ist geeignet, um Photovoltaikanlagen zu tragen.

Da, wo es möglich ist, fördern wir die Neuinstallation solcher Anlagen sowie thermischer Solaranlagen mit Heizungsunterstützung und stellen dafür im Jahr 2023 fast 2,4 Millionen Euro zur Verfügung. Auch die sogenannten Balkonkraftwerke unterstützen wir. Der große Vorteil: Auch Mieterinnen und Mieter können davon profitieren.

Wir werden den Anteil an Fernwärme in Zukunft deutlich ausbauen. Diese wird dann allerdings durch erneuerbare Energien gespeist werden.

Andererseits nutzen wir den Vorteil, Standort von Top-Unternehmen und Institutionen aus allen Bereichen der Wasserstoff-Wertschöpfungskette zu sein. So ist bei fast allen bedeutenden europäischen Wasserstoffprojekten mindestens ein Essener Unternehmen beteiligt. Als Energieträger oder -speicher kann Wasserstoff überall dort eingesetzt werden, wo Energie eine Rolle spielt – sei es in der Versorgung, in industriellen Prozessen oder in der Mobilität.

Schauen wir in diesem Zusammenhang doch auch direkt einmal auf die konkrete Energieversorgung hier vor Ort. Welchen Bedarf hat die städtische Industrie und wie wird diese Nachfrage gedeckt? Welchen Anteil deckt die Energieerzeugung Essens vom gesamten Energiebedarf der Stadt?

Die Stadtverwaltung betreibt keine Kraftwerke und in Essen sind mehr als 22.800 unterschiedlichste Unternehmen zuhause, sodass die Frage, wie viel Energie Unternehmen in Essen verbrauchen, so nicht zu beantworten ist.

Ich will allerdings einen Einblick in die Größenordnung des Bedarfs geben. Die Firma Trimet ist Deutschlands größter Aluminium-Hersteller mit Hauptsitz in Essen. Das Unternehmen braucht für die Produktion eine Menge Energie: Im Jahr 2020 waren es 2,5 Millionen Megawattstunden allein am Stammsitz Essen. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher 4-Personenhaushalt verbraucht rund vier Megawattstunden Energie pro Jahr.

Der Energiebedarf allein dieses Unternehmens ist also so hoch wie umgerechnet rund 625.000 4-Personenhaushalte. Wenn man bedenkt, dass in Essen rund 590.000 Einwohnerinnen und Einwohner leben, erhält man einen Eindruck davon, dass eine Photovoltaikanlage auf dem Dach oder ein Windrad am Stadtrand kaum reichen werden, um den Energiebedarf einer Stadt, seiner Industrie und einer Mobilitätswende zu Gunsten von E-Autos zu decken. Auch hier setzen wir auf das Thema Wasserstoff als Energieträger.

Sie stehen als Oberbürgermeister immer viel mit den Menschen im Kontakt. Welche gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen durch die steigenden Energiepreise lassen sich bereits jetzt anmerken?

Bereits im letzten Winter machten sich viele Menschen vor dem Hintergrund gestiegener Gas- und Energiepreise Sorgen, wie sie insbesondere ihre Energie- und Lebenshaltungskosten bezahlen sollen. Davon sind geringe Einkommen noch stärker betroffen, denn sie können nicht ohne weiteres eine neue Waschmaschine oder ein sparsameres Auto kaufen. Ich nehme an, die Debatte wird erneut an Fahrt gewinnen, wenn die Heizperiode wieder beginnt und sich die Wirtschaftslage weiter eintrübt. Darauf muss sich auch die Union vorbereiten und argumentativ aufstellen.

Wie können wir als CDU engagiert und glaubhaft dafür eintreten, dass die Frage der Energiekosten und die Energiewende nicht zu einer gesamtgesellschaftlichen Spaltung führt?

Als CDU müssen wir für eine gesamtgesellschaftliche Lösung eintreten. Dazu bedarf es einer Politik ohne ideologische Scheuklappen, die der Wissenschaft und der Wirtschaft in der Vergangenheit viel zu oft politische Vorgaben gemacht hat. Wir sollten nur das Ziel, nicht den Weg vorgeben und damit Alternativen zur zerstrittenen Ampel anbieten.

Wir brauchen eigene Konzepte. Insofern müssen wir uns ehrlich machen und klären, was wir eigentlich wollen. Wollen wir Industrie, auch energieintensive Industrie? Ich beantworte diese Frage mit einem klaren „Ja“. Dann müssen wir aber auch sagen, woher die Energie versorgungssicher und bezahlbar kommen muss; heute und nicht irgendwann nach 2030.

Welche Vor- und Nachteile sehen Sie in diesem Zusammenhang in dem derzeit viel diskutierten einheitlichen Industriestrompreis?

Es ist nicht ohne bittere Ironie, dass jene, die nun die Kernkraft abgeschaltet haben, den Braunkohleausstieg um Jahre vorzogen und Steinkohlekraftwerke verteufeln, nun überrascht feststellen, dass weniger Angebot höhere Preise bedeuten. Oder dass Deutschland nach der politisch gewollten Verknappung der Energie nun vermehrt Kohlestrom produziert und damit dem Anliegen des Klimaschutzes einen Bärendienst erweist.

Jetzt, nachdem die Wirtschaft ihre Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt hat und abzuwandern droht, sollen ein weiteres Mal die Bürger, die ohnehin schon den höchsten Energiepreis weltweit bezahlen müssen, künftig den subventionierten Industriestrompreis mitfinanzieren – zusätzlich zu den immer höher werdenden Energiekosten.

Ehrlicherweise wäre es aber falsch, nur der Ampel die Schuld zu geben, auch wenn sie die Hauptverantwortung für die aktuelle Lage trägt. Vielmehr müssen wir uns alle an unsere Nasen fassen. Dass Rot-Grün im Jahr 2001 die Energiewende miserabel konstruierte, hat die Union im Anschluss 16 Jahre lang nicht dazu bewogen, etwas zu ändern. Aber auch die Gesellschaft muss sich damit auseinandersetzen, dass sie sich zwar darin gefiel, „nachhaltig“ und „klimaneutral“ zu sein, aber nie hinterfragte, wie man einen Industriestandort erhalten will, wenn man aus allen konventionellen Energien gleichzeitig aussteigt – ohne entsprechende Alternativen zu haben.

Unternehmen der Energiewirtschaft, der Stahlindustrie und der Wohnungswirtschaft wollen das Ruhrgebiet zu einer nationalen Modellregion für Wasserstoff machen. Welche Unterstützung von Bund und Land erwarten Sie und welche Vorteile sehen Sie in einer Modellregion im Ruhrgebiet?

Essen nimmt mit den Zentralen von RWE, E.ON, Evonik und thyssenkrupp sowie der hohen Unternehmensdichte in der Energiewirtschaft als Standort im Bereich Wasserstoff eine zentrale Rolle ein. Keine andere Metropolregion ist im nationalen Vergleich in der Breite bei dem Thema so stark aufgestellt wie das Ruhrgebiet.

Die Startbedingungen für den Markthochlauf von Wasserstoff-Technologien sind in der Metropole Ruhr besonders gut. Das belegen die Ergebnisse des ersten bundesweiten „Wasserstoffranking 2020“ des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Mit 70 Mitgliedern bündelt das h2-netzwerk-ruhr die unternehmerischen, akademischen und öffentlichen Aktivitäten der Region zur Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie. Es verwundert also nicht, dass gerade Essen mit gleich drei Unternehmen im obersten Expertengremium des Nationalen Wasserstoffrats der Bundesregierung vertreten ist.

Dabei unterstützen uns Land und Bund – aber natürlich darf es immer mehr sein. Bisher wurde Essen durch das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur als eine von 13 „HyExpert-Regionen“ ausgezeichnet. Im Rahmen dieses Programms erarbeitete die Stadt mit der Unterstützung eines Projektkonsortiums zwischen Januar und September 2021 eine Machbarkeitsstudie.

Die Studie attestiert Essen vor allem im Mobilitäts- und Wärmesektor, aber auch in der Industrie beste Chancen. Damit kann die Verwendung von grünem Wasserstoff aus erneuerbaren Energien zu großen Einsparungen von CO2 führen. Erste Projekte befinden sich konkret in der Vorbereitung. Insgesamt ist das Konzept richtungsweisend für den gesamten Ballungsraum Ruhrgebiet.

Kontaktperson

Sara Carina Richau

Pressereferentin

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