Wenn es kompliziert wird und andere sich nicht festlegen wollen, geht die Arbeit für die Vorsitzende des europäischen Ethikrates Prof. Dr. Christiane Woopen (58) erst richtig los. Die Kölnerin ist Fachfrau für existenzielle Fragen. 

Die Kleidung ist sportlich-elegant, sie trägt gerne Farbenfrohes und auf ihrem Mund mit dem dezenten Lippenstift ist meistens ein freundliches Lächeln. Prof. Dr. Christiane Woopen wirkt nicht unbedingt so, als würde sie schnell vehemente Kritik äußern. Auch im Gespräch mit der BISS35 wirkt jedes Wort überlegt, sie redet immer druckreif. Als Vorsitzende des Europäischen Ethikrates ist Woopen so oder so dazu verdammt, es sich nicht einfach zu machen, sondern immer alle Seiten in den Blick zu nehmen. 

Geht es allerdings um das aktuelle Corona-Management, erfolgt ihre Kritik in letzter Zeit auch manches Mal sehr deutlich. „Die Menschen sind emotional erschöpft. Viele können einfach nicht mehr. Sie sind existenziell bedroht und bekommen keine Perspektiven aufgezeigt“, sagte sie unlängst bei Anne Will. Zu Beginn der Pandemie habe sie Verständnis für jeden harten Eingriff gehabt, erklärt sie im Gespräch mit der BISS35. „Aber es macht einen Unterschied, ob man in eine unbekannte Situation kommt oder schon ein Jahr vergangen ist.“ Es sei eine ethische Pflicht, Wissen zu sammeln und weitere Möglichkeiten zu nutzen als den Lockdown, findet Woopen, die auch Mitglied in Armin Laschets Corona-Expertenrat ist. 

Seit einem Jahr bestimmt die Pandemie ihre Arbeit und macht sie einmal mehr zu einer gefragten Gesprächspartnerin. „Alle Bereiche des Lebens sind durch die Pandemie betroffen“, fasst die Medizinerin und Ethikerin zusammen und sieht in dieser „Grenzenlosigkeit von Themen“ einen großen Unterschied zu früheren Zeiten. Im Fokus stand sie ja schon häufiger. Etwa bei den Diskussionen zur Sterbehilfe oder der Beschneidungsdebatte. Da seien es aber immer „fokussierte Themen“ gewesen. 

Woopen erzählt gerne anhand von solchen Beispielen und dadurch besonders verständlich. Anders als viele andere Professoren bringt sie ihren Titel sprachlich nicht ständig zum Ausdruck. Fremdwörter verwendet sie nicht ihrer selbst wegen - sondern dann, wenn sie notwendig sind. 

Ihre Vita beweist, dass sie auch anders könnte. Markus Lanz zum Beispiel attestierte ihr jüngst in seiner typisch ungehemmten Art, „eine verdammt schlaue Frau“ zu sein. Recht hat er. Doch wenn Woopen etwa in einer Talkshow sitzt, redet sie nicht wie im Ethik-Proseminar an der Uni Köln, sondern so, wie es das Format samt Publikum verlangt. In einem Radiointerview sprach sie jüngst von „Triage“ und erklärte im selben Satz, was das Wort bedeutet. 

In den 1980er-Jahren studierte Woopen als Stipendiatin des Cusanuswerkes zunächst Medizin in Köln, danach folgte das Philosophiestudium. Eine Promotion, mehrere Forschungsstationen, vier Töchter und eine Habilitation später wurde sie Vorsitzende des Deutschen Ethikrates. Seit 2017 ist sie Vorsitzende des europäischen Pendants und berät als solche die Europäische Kommission.  

All das sind nur einzelne Wegmarken. Woopens Lebenslauf könnte gut und gerne auch auf zwei oder drei Personen verteilt werden, so viel hat sie gemacht. Da stellt sich die Frage: Hätte sie damit selbst gerechnet? Woopen muss nicht lange überlegen. „Ich habe mich schon im Studium gerne mit den ethischen Fragen beschäftigt. Aber der Weg war so überhaupt nicht geplant.“ 

Medizinische Themen spielen im Leben der einstigen Gynäkologin heute zwar immer noch eine zentrale Rolle, aber eben auch viele andere. Von künstlicher Intelligenz bis Nachhaltigkeit sind ihre Arbeitsbereiche vielfältig und die Fragen meistens kompliziert. Mehr noch: Es sind existenzielle Fragen und für Christiane Woopen sind sie keine Probleme, sondern „eine Erfüllung“. Wer mit ihr spricht oder ihre Interviews verfolgt, bekommt fast den Eindruck: Je schwieriger und undurchsichtiger es wird, desto größer wird ihre Leidenschaft, sich damit zu beschäftigen. 

Welche Rolle spielt bei all’ dem die Religion? Woopen antwortet ehrlich und attestiert dem Christentum in der Öffentlichkeit „eine zu geringe, eine defensive Rolle“. Der Glaube ist ihr wichtig. Das begrenzt sie aber ausdrücklich auf das Privatleben und ihre Motivation sich für die Gesellschaft einzusetzen. Als Vorsitzende des Ethikrates müsse sie ethische Maßstäbe anlegen, die auf dem Verfassungsrecht beruhen. 

Insofern wäre es auch töricht, zum Abschluss des angenehmen Gesprächs eine parteipolitische Frage zu stellen, nur weil das hier ein politisches Magazin der Jungen Union ist. Deshalb ist diese Frage ein Kompromiss: Was wünscht sich Christiane Woopen von der (politischen) Jugend? „Mischt Euch lautstark in das politische Handeln ein“, lautet ihre Antwort. „Die Zukunft gehört der Jugend.“ Sie findet es schade, was den Jungen alles durch Corona verloren gegangen ist: Auslandsaufenthalte, Praktika und vieles mehr. „Aber macht all das nicht gegen die Älteren, sondern gemeinsam.“  

Da ist sie wieder, die Frau mit dem freundlichen Lächeln, die einerseits klare Position bezieht, aber immer alle Seiten in den Blick nimmt. Und die es sich nicht leicht macht. 

Von Florian Hemann

Ansprechpartner

Arvid Hans Hüsgen

Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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