„Wie sicher fühlen Sie sich als Jüdin in Deutschland?“ Als Jude wird man immer dann interessant, wenn es zu antisemitischen Vorfällen kommt. Über jüdische Geschichte, Philosophie, Kunst, Kultur oder auch über heutiges jüdisches Leben wird nur wenig gefragt oder gesprochen. Vielleicht ändert sich das in diesem Jahr.

Denn wir befinden uns im Festjahr zu 1700 Jahre jüdischen Lebens in Deutschland. Es wird der Versuch unternommen, jüdisches Leben sichtbar und erlebbar zu machen und dem Bild von Juden damit eine PR-Kampagne zu verpassen. Das finde ich gut! Denn das vorherrschende Bild von Juden in Deutschland entspricht nicht zu 100 % der Realität. Es gibt nicht „den Juden“, der versucht wird aufzuzeigen. Nicht alle Juden tragen eine Kippa oder haben Schläfenlocken. Ich bin eine blonde, blauäugige Frau und ‘trotzdem‘ jüdisch. Auch gehen die Meinungen, was die Politik oder Gesellschaft anbelangt, innerhalb der jüdischen Community weit auseinander. Wie es in einem jüdischen Sprichwort heißt: „zwei Juden, drei Meinungen“. Der Meinungspluralismus liegt in unserer Natur. Nicht umsonst ist eine der wichtigsten Schriften des Judentums der Talmud, der nur aus Diskussionen unter Rabbinern besteht. Auch, was das Verständnis des Judentums angeht, gibt es diverse Auslegungen.
Einig sind wir uns aber darüber, dass wir in keine Opferrolle gesteckt werden oder als Exoten und wie eine vom Aussterben bedrohte Pflanzenart dargestellt werden wollen. Uns nur mit der Shoa oder dem israelisch-palästinensischen Konflikt in Verbindung zu bringen, statt eine unglaubliche Diversität in der jüdischen Gemeinschaft zu sehen, ist ernüchternd.

Ja, Sicherheit ist ein großes Bedürfnis der deutsch-jüdischen Gemeinschaft. Wir wünschten, wir bräuchten keine Polizei vor jüdischen Einrichtungen und Synagogen. Wir wünschten, wir könnten Veranstaltungsorte offen angeben, damit Interessierte daran teilnehmen können. Wir wünschten, wir könnten überall sichtbar jüdisch auf die Straße treten, ohne damit ein Sicherheitsrisiko einzugehen. Leider können wir uns das bis dato nicht erlauben. Um eine größere Sichtbarkeit jüdischen Lebens herstellen zu können, muss zuerst die Sicherheit von Juden garantiert sein.

Antisemitismus ist über Jahrtausende überlebensfähig gewesen. Uralte Verschwörungserzählungen treten heute in neuem Gewand auf: Die antisemitische Erzählung des „Ritualmords“, die aus dem Mittelalter stammt, besagt, dass Juden Christenkinder ermordet hätten, um aus deren Blut Mazzot für das Pessach-Fest zu backen. Heute hören wir Rufe wie „Kindermörder Israel“ erneut auf unseren Straßen. Diese Verschwörungserzählung führte dazu, dass in vielen Teilen der jüdischen Community am Pessach-Fest kein Rot-, sondern Weißwein getrunken wird, um nicht mit dieser Lüge in Verbindung gebracht zu werden.
Das Vorurteil, dass Juden geizig seien, entstand im Mittelalter, als es Juden vielerorts verboten war, bestimmte Berufe auszuüben: Da die Kirche damals einen großen Einfluss auf das Leben der Bürger hatte, war das Zinsgeschäft unter Christen untersagt. Juden durften jedoch Zinsen nehmen, also warf die christliche Mehrheitsgesellschaft ihnen vor, geizig zu sein.
Heutzutage ist die Verschwörungserzählung des „Weltfinanzjudentums“ im Umlauf, die daraus entstand. Sogenannten „jüdischen Eliten“ wird dabei vorgeworfen, die Völker der Welt in eine finanzielle Abhängigkeit treiben zu wollen, um daraus selbst Profit zu schlagen. Häufig ist diese Erzählung mit Kapitalismuskritik verbunden. Denn sowie am Sozialismus sollen die Juden auch an dem „ausbeuterischen Kapitalismus“ schuld sein. Von anderer Seite wird versucht, Juden rassisch zu kategorisieren und zu argumentieren, dass die vermeintlichen Unheilsbringer zum Schutze der eigenen Rasse vernichtet werden müssten.

Judenhass findet man also in rechten und in linken Kreisen, in Teilen der muslimischen Community, zunehmend auch in der Mitte der Gesellschaft. Auch im Zuge der Coronapandemie wurden Juden auf Querdenker-Demonstrationen zum Sündenbock erklärt, es fanden Shoa-Relativierungen statt und antisemitische Parolen wurden skandiert. Judenhass richtet sich primär gegen Juden, betrifft aber letztlich auch die gesamte Gesellschaft, da dieses Gedankengut keinen Platz in einer freiheitlichen-demokratischen Gesellschaft haben darf.
Sonntagsreden und das jährliche Erinnern am internationalen Holocaustgedenktag, reichen längst nicht mehr aus. Im Sinne der Kohärenz und Konsequenz müssen auf Worte und Versprechungen Taten folgen.
Gleichwohl ist ein paternalistischer Umgang, der gemäß dem Wokeness-Verständnis Freund-Feind-Bilder schafft und mahnt: „wenn du nicht für mich bist, bist du gegen mich“ auch kein Lösungsweg. Es bedarf des Austauschs, der Sensibilisierung und Aufklärung über Antisemitismus, jüdisches Leben und das Judentum. Vor allem bedarf es einer fundierten und sachlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema, damit eine gesellschaftliche Mehrheit, die sich von Moralismus nicht angesprochen, eher doch vor den Kopf gestoßen fühlt, mit der Reflexion beginnt. Die Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance ist dafür ein guter Anfang. Die Definition genießt ein gutes Renommee, wurde von zahlreichen internationalen Organisationen und Staaten angenommen, so auch vom Deutschen Bundestag und der Bundesregierung.

Wir müssen uns bewusst sein, dass jüdisch sein in Deutschland eine Ambivalenz zwischen einer belasteten deutsch-jüdischen, historischen Verwurzelung einerseits und dem Fakt, dass jeder Jude selbst nach der Shoa von mindestens einer antisemitischen Erfahrung aus seinem Leben berichten kann, andererseits, bedeutet.
Wir müssen anfangen, Menschen als Mosaik zu betrachten. Die einzelnen Steine setzen sich zu einem Bild zusammen, zur Identität des Individuums. Ich bin Jüdin, Deutsche, Schwäbin, Frau, Studentin, politisch engagiert, habe Migrationsgeschichte, – all diese Teile machen mich zu der Person, die ich bin. Ich möchte aber weder auf den einen noch auf einen anderen Teil meiner Identität reduziert werden. Geht es Dir da anders?

von Anna Staroselski

Die Autorin ist Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD).

Kontaktperson

Arvid Hans Hüsgen

Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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